Wednesday, January 11, 2012

HIT-LIST: DAS BESTE AUS 2011

SECUESTRADOS: KIDNAPPED (Spanien/Frankreich, 2010)
In 12 marternden Einstellungen dokumentiert Vivas den verzweifelten Überlebenskampf einer Familie in den Händen einer Einbrecher-Gang. Auf dem Papier nicht gerade ingeniös, aber formal eine Offenbarung: selbst wenn Vivas hier und da einen hektischen Moment für einen versteckten Schnitt in Hitchcock-Manier genutzt haben sollte, täte dies der unmittelbaren Wirkung seines drastischen Home-Invasion-Thrillers keinen Abbruch. Rücksichtsloses Echtzeit-Erfahrungs-Kino, daß einen schluckt, durchwalkt und wieder auskotzt.



WASTED ON THE YOUNG (Australien, 2010)
Als ein Teenager erfährt, daß Klassenkameraden seiner besten Freundin auf einer Party K.O.-Tropfen verabreicht und sie vergewaltigt haben, brennen bei ihm die Sicherungen durch ... Ben C. Lucas' stylisher Thriller klammert die Erwachsenenwelt aus - spannendes Stilmittel, welches den Kids Freiraum lässt, Konflikte nach eigenem moralischen Gutdünken zu lösen oder wahlweise eskalieren zu lassen. Der Alltag an einer Elite-Highschool, wo jeder Geld, ein I-Pad und einen Facebook-Account hat, aber nur die wenigsten echte Freunde, entwickelt so seine ganze eigene Dynamik. Macht ist die Währung; entweder man herrscht, dient oder passt sich an … Rebellen geraten unter die Räder. Bilder so kühl und glatt wie eine Hochhauswand aus Stahl und Glas, innovativer Schnitt und jede Menge talentierter Jungstars machen WASTED ON THE YOUNG zu meinem persönlichen Geheimtip 2011.



BLACK SWAN (USA, 2010)
Dies ist der Film, den wir uns alle von Dario Argento gewünscht haben: ein fiebriger Alptraum, in dem sich Wahn, Paranoia und Tchaikovsky im Unterbewußtsein von Natalie Portman eingenistet haben und nun von innen heraus ihre Seele in ein Puzzle zerlegen. Wohin das alles führt, ist unschwer zu erraten, aber der Weg dorthin ist gespickt mit psycho-sexuellen Spitzen und knalligen Schocks. Ein lupenreiner Giallo, so unlogisch wie unwiderstehlich.



THE GUARD: EIN IRE SIEHT SCHWARZ (Irland, 2011)
Komödien, die ich 2011 im Kino gesehen habe, kann ich an der verletzten Hand abzählen ... darunter immerhin die Beste - so jedenfalls versicherte man mir: THE GUARD gehört zu jenen tollen Filmen, die Humor durch ihre Charaktere definieren, anstatt den Plot mit Witzen zu verkrüppeln. Das irische Hinterland und seine einzigartigen Bewohnern, jeder mit seiner persönlichen Macke, ist ein dankbares Setting für einen durchweg glaubwürdig gespielten Krimi, der erst in seinen melancholischen Momenten so richtig aufblüht. Wer BRÜGGE SEHEN... UND STERBEN? zu seinen Lieblingsfilmen zählt, sollte sich diese stimmungsmäßig ähnlich gepolte Perle keinesfalls entgehen lassen.



CONFESSIONS: GESTÄNDNISSE (Japan, 2010)
Tetsuya Nakashima bleibt seinem plakativen Live-Action-Anime-Stil treu, komponiert aber eine Oktave tiefer: sein exquisit bebildertes Highschool-Drama könnte auch als Videoclip zu Radioheads "Last Flower" durchgehen, wäre da nicht der verschachtelte Plot über die Rache eine Lehrerin, deren Tochter von zwei ihrer Schüler getötet wurde. So einen Film - so kalt, so trostlos, so wunderschön - wünsche ich mir von Tim Burton.



A NIGHT IN NUDE: SALVATION (Japan, 2010)
Takashi Ishii is back ... so richtig weg war er ja nie, nur hat man von ihm schon länger keinen Film mehr gesehen, wo sich Sex und Dialoge in etwa die Waage hielten ... sein kinky Rotlicht-Thriller hat endlich wieder alles was man als Fan von einem "echten" Ishii erwartet: starke Frauen, wunderschöne kalte Bilder, mehr Noir-Klischees als eine "Max Payne"-Cut Sequence, Fetisch und Sleaze galore, und hier und da eine Prise unfreiwillige Komik. Danke, Nippon-Connection!



SUCKER PUNCH (USA, 2011)
Snyder scheißt auf Erzählkino und wählt den kleinsten gemeinsamen Nenner als Aufhänger: Bilder! Ein bißchen Anime, ein bißchen Steampunk, ein bißchen ALICE IN WONDERLAND meets SOPHIES WELT, und (leider erst im Director's Cut) obendrein sogar eine Musical-Nummer. Ein mutiger Versuch, Kino neu zu erfinden - leider gefloppt ... die breite Masse war noch nicht bereit für Zack Snyders exzentrische Pop-Vision.



COLD FISH (Japan, 2010)
Mein allerliebster Menschenfeind dreht derzeit einen Knaller nach dem anderen. Filme, die man abscheulich, pervers, wirr und irritierend finden darf, aber vergessen wird man sie nie wieder. In COLD FISH liegen galliges Gelächter und nihilistische Schocks so dicht beieinander, daß man ob dem Versuch, beide voneinander zu trennen, schier wahnsinnig werden kann; ein bißchen wie der Hauptdarsteller: ein einfacher Geschäftsmann, der zum Komplizen eines Serienkillers wird, und dabei ein paar dunkle Flecken auf seiner Seele entdeckt, die alsbald auch auf seine Familie abfärben.



THE WOMAN (USA 2011)
Was kochte hier die Internet-Gerüchteküche: von handfesten Skandalen auf dem Sundance-Festival war zu lesen, hässliche Worte wie "Misogyn", "Ketchum" und "Torture Porn" drehten die Runde, und am Ende? Alles halb so wild. Den schmierigen Negativ-Hype hätte THE WOMAN jedenfalls nicht gebraucht, das Endergebnis trägt zum Glück mehr die Handschrift von Lucky McKee als Jack Ketchum, und ist, drücken wir's mal vorsichtig aus, einer der intensivsten Horror-Thriller der letzten Jahre. Nicht etwa, weil die Kamera besonders lange draufhält, sondern weil der Film auf weiteren Ebenen funktioniert: zum Beispiel als satirisches Porträt von mittelständischem Spießertum, dabei (Charakteren zum Trotz, bei denen man einfach schlucken muß, daß sie bereits zu Beginn einen Großteil ihrer Menschlichkeit abgelegt haben) in letzter Konsequenz sogar mit feministischer Note abgeschmeckt.



WER IST HANNA? (USA/Großbritannien/Deutschland 2011)
Wenn ich an Actionfilme 2011 denke, fallen mir zwei großartige Sequenzen ein, welche mit formaler Perfektion für Atemaussetzer sorgten: zum einen die Szene im koreanischen THE MAN FROM NOWHERE wenn der Kameramann dem Helden ohne erkennbaren Schnitt durch eine zerberstende Fensterscheibe hinterher auf die Straße springt, die andere beginnt als Eric Bana in Joe Wrights WER IST HANNA? in Berlin aus dem Bus steigt, in den folgenden 5 Minuten von Attentätern hinab in eine U-Bahn-Station verfolgt wird, und endet mit einer beeindruckend realistisch choreographierten Kampfszene. Alles in einem Take. Wenn dann noch der Rest geschickt sämtliche Klischees umschifft und ein paar Charaktere vorstellt, deren Schicksal uns nicht egal ist, haben wir alle Zutaten für den besten Film des Jahres zusammen.


© Alex

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