Sunday, July 29, 2012

RAISING CAIN (USA, 1992)




Brian De Palmas faszinierendes Psycho-Puzzle bringt den Twist ganz zu Beginn (der Hauptcharakter hat multiple Persönlichkeiten) und spinnt daraus ein exquisites Verwirrspiel mit flackernder Trumpffarbe, bei dem nichts sicher ist, die Karten ständig neu gemischt werden. Manchmal greift er Ereignissen voraus, um später Lücken aus wechselnder Perspektive zu schließen; das ist aufregend, hält wach und bringt die Synapsen in Schwung. RAISING CAIN ist Kino zum Mitmachen. Anstatt öde zu berichten, bedient sich De Palma visueller Stilmittel und knackiger B-Thrills um uns an der Paranoia des schizophrenen Protagonisten teilhaben zu lassen. Ein freches PSYCHO-Zitat passt da ebenso rein, wie jener ellenlange Tracking Shot über mehrere Etagen einer Polizeistation, inklusive Fahrstuhlfahrt und Payoff im Leichenschauhaus.
Anspruch und Ästhetik in allen Ehren, RAISING CAIN brettert ein paarmal derart haarscharf am Camp vorbei, daß jedesmal ein Tropfen pikante Brühe übers Becken schwappt und dem ohnehin schmackhaften Cocktail erst die richtige Würze verleiht. Ein erfrischend zügelloser "Anti-Fincher", ein Zuckerstück von einem Thriller, vorzüglich gefilmt, an dem der Meister sicherlich ebenso viel Spaß gehabt hat wie unsereins beim Zugucken.

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INVASION OF ASTRO-MONSTER (Japan, 1965)




[...]
Daß INVASION OF ASTRO-MONSTER (int. Titel) viele Ereignisse in Tim Burtons MARS ATTACKS! inspirierte, ist unübersehbar; fundamentale Ideen (Radio-Stationen, die schauderhafte Klänge durch den Äther schicken) und phantasievolle Imaginationen (am Himmel taumelnde UFOs) wurden hier zum ersten Mal gedacht. Der Film knüpft direkt an den Vorgänger an, sogar der Monster-Cast ist derselbe (minus Mothra). Daß quasi von Heute auf Morgen interstellare Trips zum Planeten X (gleich hinterm Jupiter links) möglich geworden sind, während der Rest der Welt sich im konsequent psychedelischen Yellow Submarine-Look der 60er weiter dreht, schluckt man halt oder erstickt daran. Nach seiner Niederlage in FRANKENSTEINS MONSTER IM KAMPF GEGEN GHIDORAH ist der dreiköpfige Drache weit hinaus ins Weltall geflohen, wo er fortan mit verheerenden Blitzgewittern die ohnehin unwirtliche Felslandschaft des Planeten X umgestaltet. Dessen Bewohner (die Hai-Männer aus FLASH GORDON, aber mit unendlich cooleren Sonnenbrillen) sind darüber wenig erbaut und möchten sich deshalb Godzilla und Rodan von den Menschen ausleihen; das monströse Tag-Team soll Ghidorah einen kräftigen Tritt in den goldenen Arsch verpassen. Im Gegenzug gibt's ein Wunderheilmittel gegen Krebs. Wer kann da schon Nein sagen? [...]


© Alex

Friday, July 27, 2012

THE RAID: REDEMPTION (Indonesien/USA, 2011)




Was haben wir in TOM YUM GOONG die Szene gefeiert, in der Tony Jaa 5 Minuten lang anstürmenden Bodyguards in spektakulärer Manier Arme und Beine brach ... in THE RAID gibt es dieselbe Szene auf 100 Minuten gestreckt, immer mal wieder unterbrochen durch kleine Suspense-Brücken, welche die Story vorantreiben. Die ist minimalistisch gehalten (ein Polizeikommando stürmt einen Appartement-Komplex und legt sich mit dort hausenden Mafia-Schergen an), bietet gerade mal den notwendigsten dramaturgischen Unterbau für kompromißlose, entfesselte Hardcore-Action der Marke: "Wenn du blockst, bist du eh zu langsam und schon so gut wie tot".
Die erste halbe Stunde begeistert mit kinetischen Schußwaffen-Gefechten; sobald dann die Muniton aufgebraucht ist, geht es mit Messern, Schlagstöcken und geballten Knöcheln an die Eingeweide. THE RAID setzt die Meßlatte von dem, was wir in zukünftigen Martial Arts-Filmen sehen wollen, verdammt hoch, liefert zudem von ästhetisch-technischer Seite her ausreichend Einfälle um entfernt als sowas wie'n Film durchzugehen (das ist zum Beispiel mehr, als wir aus Thailand gewohnt sind). Iko Uwai, der nette Junge aus MERANTAU, hat hier zwar wenig Gelegenheit sein Charisma spielen zu lassen, angefeuert habe ich das agile Kerlchen dennoch.
Bleibt anzumerken, daß das Teil geradezu viehisch brutal ist und nach dem zwanzigsten gebrochenen Genick plus Messer in Halsschlagader durchaus ein Abstumpfungs-Effekt zu verzeichnen ist. Das darf man gefährlich finden ... aber nur, wenn man versehentlich im falschen Saal gelandet ist.

© Alex

Tuesday, July 24, 2012

THE DARKEST HOUR (USA, 2011)




Zwei nervige Upper Class-Partybirnen from the Heart of the US of A stranden in Moskau inmitten einer Alien-Invasion; die Bezeichnung "Software-Entwickler" tragen die beiden wahrscheinlich auch nur, weil sie eine App auf dem iPhone installieren können ohne sich dabei die Zunge abzubeißen. So verwundert es kaum, wenn nach der ersten Angriffswelle erstmal Wodkaflaschen gehortet werden; weil, stell dir vor, da ist auf einmal 'ne Party und die Chicks sind alle nüchtern!
Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie regelmäßig den GALILEO-Fake Check gucken, um dann auf der Arbeit mit ihrem physikalischen Wissen zu prahlen, denn, wie wir alle wissen: nichts geht über eine solide Achtelbildung! Die grundlegenden Mechaniken des Faradayschen Käfigs kann man googeln, den Rest hat man sich gerade mal so ausgedacht wie es am besten ins Drehbuch passt. Und wenn alle Mittel versagen, hilft es manchmal, E.T. einfach ein Brikett an den Kopf zu semmeln. This is Science!
Kann man als Semi-High-Budget-Trash ansonsten ganz gut weggucken (das menschenleere, verwüstete Moskau gibt ein dankbares apokalyptisches Szenario ab), nur nicht zulange in die Mikrowellenstrahl gucken, sonst findet man das auf einmal besser als BATTLESHIP.

© Alex

Monday, July 23, 2012

HIGH PLAINS DRIFTER (USA, 1973)




Ja, das waren noch Zeiten, als Clint Eastwood Frauen vergewaltigen, und anschließend sagen durfte: "Warum, es hat ihr doch gefallen", und am Ende trotzdem als coole Sau in den filmmernden Horizont reitet. Heutzutage undenkbar (und natürlich auch besser so). Die feministische Bewegung hat Eastwoods zweite Regiearbeit nun nicht gerade vorangetrieben, dafür ließ in HIGH PLAINS DRIFTER er den anarchischen Hauch des Euro-Western über die amerikanische Prärie wehen, und traut sich am Ende gar (zumindest in der Originalfassung), mit einem schier ungeheuerlichen Twist unsere Erwartungen ans Genre komplett auf links zu stülpen. Die launig-lakonischen Dialoge funktionieren auch auf deutsch, allerdings hat man hier mit eigenmächtig veränderten Worten mal eben den essentiellen Gedanken zerstört, welcher den Geschehnissen, bei genauer Beobachtung, einen reichlich surrealen Touch verleiht. Andererseits: wer guckt heutzutage noch synchronisierte Filme?
(Sorry, wenn das arrogant klingt, aber euch entgeht da tatsächlich was ...)
Mehr Corbucci als Leone, aber mindestens so erinnerungswürdig; Eastwoods Regie ist dynamisch, mit dem einen oder anderen abenteuerlichen Winkel, und sogar Ego-Shooter-Perspektiven. Dazu eine geradlinige Rache-Story, die den Archetypen rund um den namenlosen Fremden ein staubiges Denkmal setzt. Das ultimative Denkmal. Die Abgänge sind zynisch, und im Finale reitet das böse Dreigestirn durch eine wahrhaftige Hölle auf Erden.

© Alex

Sunday, July 22, 2012

LITTLE DEATHS (Großbritannien, 2011)




La Petite Mort, so lautet in Frankreich der geläufige Euphemismus für den Orgasmus. Daß sich im Horrorfilm kleiner und großer Tod vortrefflich verstehen und seit jeher faszinierende narrative Symbiosen zeugen, wissen wir nicht erst seit HELLRAISER. Im vorliegenden Film lassen uns drei britische Regisseure an drei kleinen, fiesen Visionen teilhaben. "Sex und Tod" lautet der gemeinsame Nenner. Vorweg eine Warnung: LITTLE DEATHS geht visuell keine Kompromisse ein, wurde spürbar für ein erwachsenes Publikum produziert.
Die erste Episode (HOUSE & HOME von Sean Hogan) arbeitet mit einer spannenden Prämisse, da sie uns lange im Unklaren lässt, welche der beteiligten Fraktionen Hexe, wer Hänsel ist. Am Ende fließt viel Blut, abgesehen davon scheint Hogan nicht recht zu wissen, wie übrige Körperflüssigkeiten schlüssig in die Handlung zu integrieren sind; es bleibt bei oberflächlichem Shock Value, die Auflösung ist erschreckend trivial. MUTANT TOOL läßt etwas Body-Horror in die Gleichung einfließen, so richtig verstanden hat das Konzept aber erst Simon Rumley: BITCH setzt ganz auf psychologischen Gehalt, erzählt von einer aus dem Ruder laufenden S&M-Beziehung. Sexualität und Substanz bedingen einander unmittelbar.
Die grandiose dritte Episode reißt's raus, der Gesamteindruck bleibt schal; eine Vagina Dentata mit abgewetzten Zähnen: zu uneben die Interpretation des Kernthemas, LITTLE DEATHS fehlt eine Rahmenhandlung, ein roter Faden. Wieviel interessanter wäre es gewesen, Filmemacher zu fragen, die sich nicht erst etwas ausdenken müssen? Denen das Thema bereits im Blut liegt? Clive Barker, David Cronenberg, Shion Sono ... ?

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SKET (Großbritannien, 2011)



- "She was pathetic! Not once did she swing back - not once. The only way you'll survive is to become like them. Otherwise ... we'll end up like our mothers."


Etwas ist faul im Staate Großbritannien. Sonst würden uns viele solcher halbgaren Youth Violence-Filme, wie sie immer mal wieder zu uns herüberschwappen, erspart bleiben. Selbstverständlich ist es wichtig auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen, aber wenn es abseits davon nichts interessantes zu erzählen gibt, kann man's vielleicht auch einfach mal sein lassen (und das Geld stattdessen einer Streetworker-Stiftung überantworten). Und auf jeden VETERAN und jeden HARRY BROWN kommt mindestens ein SHANK ... ich hätte es besser wissen müssen: SHANK war einer der größten Stinker des letzten Jahres; SKET ist dasselbe mit Mädels, dabei geringfügig besser, da weniger nervös gefilmt, und die HDR-Cinematographie kriegt ein paar atemberaubende Bilder vom nächtlichen London hin. Dafür nervt der kreischige Staccato-Girlie-Hip-Hop umso mehr, und das unverständliche Cockney-Gerotze lässt einem auch bald die Ohren bluten.
Die Crime-Story vom Geordie-Lass, das den Tod ihrer älteren Schwester rächen will und deshalb einer Troublemaker-Gang beitritt, spult ihr Ding überraschungsfrei nach Schema F durch. Und hat am Ende nicht die Cojones, den eingeschlagenen Weg bis zum bitteren Ende zu beschreiten, versackt stattdessen in einem klischeehaft-versöhnlichem Cliffhanger, und verbaut sich so die Chance, tatsächlich mal ein aufrüttelndes Statement herüber in den Kinosaal zu schicken.

© Alex

Saturday, July 21, 2012

POISON IVY 3: THE NEW SEDUCTION (USA, 1997)



- "Violet, you're not legal."
- "I won't tell if you won't."



Was Bang-for-the-Buck-Value angeht, bislang der ertragreichste der Reihe; zwar kein herausragendes Glanzstück der 90er Skin Flick-Welle, lässt aber zum Glück den biederen Moral-Subtext des Zweiten missen und wartet sogar mit interessanten Figurenkonstellationen auf. THE NEW SEDUCTION ist halt was er ist: 'nen Skin Flick. Und dafür darf man ihm wohl kaum böse sein. Außer vielleicht, daß er im Finale plötzlich mehr Thriller als Familiendrama sein will, sich dabei dennoch nicht traut, sein trashiges Camp-Potential voll auszuspielen. Zumindest schreitet Jaime Pressly mit respektablem Körpereinsatz zur Tat, gibt als titelgebende Protagonistin endlich die waschechte Soziopathin, deren Giftstachel nicht bloße prätentiöse Behauptung bleibt. Im Endeffekt, nämlich immer dann wenn er versucht kinky zu sein, ist POISON IVY 3 aber natürlich immer noch viel zu artig (und amerikanisch) um wirklich nachhaltiges Interesse zu generieren.
Kurioses Detail: Der Film wurde im Vollbild-Format gedreht, die optionale Widescreen-Fassung bietet lediglich einen gematteten Ausschnitt, dessen keusche Balken uns all zu inflationäre Anblicke auf böse Brüste und Jaimes ansehliches Hinterteil ersparen. Good Job, Censors. Wieder eine Seele vor dem Verfall in die Dekadenz bewahrt!

© Alex

Thursday, July 19, 2012

SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL (Italien, 1972)




In seiner Essenz sicherlich keine Ausgeburt an Feminismus, aber deswegen gucken wir ja auch 'nen Giallo und nicht ADELHEID UND IHRE MÖRDER ... tatsächlich verbirgt hinter dem bescheuerten deutschen Titel sich ein stilsicher inszenierter Spaghetti-Krimi, in dem ein maskierter Killer einigen der heißesten Ladies, welche jemals italienisches Zelluloid in Flammen gesetzt haben, die hübschen Hälse durchschneidet - manchmal auch in Zeitlupe, selten mit nur einem Stich; ist dabei zumindest so fair, ihnen ausreichend Zeit zu lassen, vorher ihre Kleidung abzulegen. Für adäquaten Adrenalin- und Hormonausstoß wäre also gesorgt, aber wie schaut es mit dem Rest aus?
Schwarze Handschuhe, blutige Klingen, eine großzügige Prise Sleaze for the sake of Sleaze (sowie Argentos psychologisches Fingerspitzengefühl - haha), sind präsent, inhaltlich natürlich irgendwo Dutzendware, aber nicht ohne Atmosphäre. Um bei den ganz Großen mitzuspielen fehlt RIVELAZIONI DI UN MANIACO SESSUALE AL CAPO DELLA SQUADRA MOBILE in letzter Instanz das entscheidende Quentchen Wahnsinn, macht das aber mit Production Value wett, sowie einem traumhaft schönen Soundtrack, den ich, wüßte ich's nicht besser, ohne weiteres Ennio Morricone zugeschrieben hätte - Giorgio Gaslini heißt der Mann, und hat später auch beim Score von PROFONDO ROSSO mitgemischt; wenn das mal keine Referenz ist ...

© Alex

Wednesday, July 18, 2012

THE NUDE VAMPIRE (Frankreich, 1970)




Oui, ich hab's kapiert. Jean Rollin will nur schöne Frauen filmen. Was bei so einem Cast ja auch irgendwie verständlich ist. Dasselbe könnte man über Jess Franco sagen, nur daß jener über wesentlich breiter gefächertes technisches Know-How verfügt, als bei einer Kamera den An/Aus-Schalter zu betätigen.
LA VAMPIRE NUE, meine zweiter zaghafter Flirt mit Rollin, ist ein mindestens ebenso frustrierendes wie faszinierendes Erlebnis. Faszinierend dahingehend, wie Rollin zu jeder Aufblende zwar Personen zu formvollendeten, berauschend sinnlichen Stilleben anordnet, sobald diese anfangen sich zu bewegen, zu sprechen, zu handeln, jedoch in amateurhaftes Stümpertum verfällt. Rollin inszeniert seine erotische Vampir-Mär mit den reduzierten Ressourcen einer Theater-Aufführung: von SFX, Blue Screen und dynamischem Schnitt hat er anscheinend nie etwas gehört, sein einziger Spezialeffekt ist holde Weiblichkeit, welche mal im Evaskostüm, mal gekleidet in fetischisierte Designer-Outfits, auf astralen Sohlen durch surreal anmutende europäische Architektur huscht. Solcherlei Impressionen entwickeln auf Dauer durchaus Sog-Wirkung, werden aber wieder und wieder durch unbeholfene Versuche, eine Geschichte zu erzählen, unterbrochen - und schon bröckelt die poetische Fassade, alles wirkt aufeinmal so trist und nüchtern wie ein Montag-Morgen nach einem schönen Traum.
Ich gebe zu, ich bin ratlos: benötige ich akademischen Rat oder einfach nur den nächsten Titel in Rollins Œuvre? Mag sein, daß ich zuviele Filme geguckt, dabei zuwenig filmwissenschaftliche Abhandlungen gelesen habe. Oder die ignorante Sau bin, welche die Perlen im Trog von Küchenabfällen nicht zu unterscheiden vermag. Auch möglich, daß irgendwann sich mir der Genius von Jean Rollin, auf ganz organischem Wege, von selbst erschließt, und dann aus retrospektiver Warte selbst so etwas wie DAS LUSTSCHLOSS DER GRAUSAMEN VAMPIRE (dt. Titel) in hellem, psychotronischem Licht erstrahlt.
So schnell gebe ich nicht auf ...

© Alex

Sunday, July 15, 2012

IN BRUGES (Großbritannien/USA, 2008)



- "You from the States?"
- "Yeah. But don't hold it against me."
- "I'll try not to... Just try not to say anything too loud or crass."



Lakonische Gangsterballade vor europäischer Kulisse. Hervorragend besetzt in den Hauptrollen: Brendan Gleeson, Colin Farrell, Ralph Fucking Fiennes, Brügge. Das malerische Städtchen ist der eigentliche Protagonist in einer tragikomischen Konfrontation, die zwar blutig endet, immer mit einem Augenzwinkern überrascht wenn man es am wenigstens erwartet, aber letzten Endes erst in ihren melancholischen Momenten so richtig genießbar wird. Und zwischen all den lockeren PULP FICTION-Dialogen mogelt uns Regisseur McDonagh sogar ein paar denkenswürdige Themen über Schuld und Sühne unter. Länger drüber nachsinnen ist aber zum Glück nur eine Option; sich von der dicken Atmosphäre aufsaugen lassen, die wunderschönen (naturbelassenen) Bilder genießen, das spannende Schauspiel beobachten, reicht.
Ahh ... Verficktes Brügge. Du bist so schön!

© Alex

SOUTHLAND TALES (USA/Deutschland/Frankreich, 2006)



- "Scientists are saying the future is going to be far more futuristic than they originally predicted."


Die Welt gerät aus den Fugen ... ein bißchen kann man das auch über das Skript von Richard Kellys größenwahnsinniger Vision sagen. Eine futuristische Crime-Saga mit metaphysischem Einschlag, und ob nun gescheitertes Epos, brillianter Arthouse-Trash, oder verkannte Sozi-Satire: Wenn ein Film mich auch beim wiederholten Ansehen mit offenem Munde abhängt, ich zweieinhalb Stunden schier aus dem Staunen nicht herauskomme, muß etwas dran sein. Wir sind nur noch nicht bereit dafür.
Während der letzten Tage vor dem Weltuntergang, unter dem allwachenden Auge der amerikanischen Sicherheitsbehörde US-Ident, wandeln wir auf den verschnörkelten Pfaden dreier Menschen durch Los Angeles, welche den Schlüssel zur Antwort auf die Frage in sich tragen, ob die Zerstörung unser aller Existenz Nirvana oder Neuanfang bedeutet. Ein Hollywood-Schauspieler mit Amnesie (Dwayne Johnson), die Pornodarstellerin Krysta Now (Sarah Michelle Gellar), und ein Cop (Sean William Scott), der als Marionette im Namen einer terroristischen Vereinigung von Neo-Marxisten einen Putsch in die Wege leiten soll.
Messy-Skript, wüste Dramaturgie, kryptische Dialoge, und popkulturelle Zitate en masse. Too much of everything. SOUTHLAND TALES wurde auf den Cannes-Festspielen ausgebuht, und ist nach wie vor eine distinktive Love/Hate-Angelegenheit. Geheimtip oder Stiefkind? Für den Heimkino-Markt wurde der Film um 20 Minuten gestrafft, und als jemand, der beide Versionen gesehen hat, kann ich mit gutem Gewissen verlauten lassen: ja, die Schere war nötig! Die Release-Version ist immer noch ein ziemlich wilder, inkohärenter Ritt, wirkt dennoch aufgeräumter und zieht ihr Ding ohne Handbremse durch. Ich habe noch lange nicht jeden Winkel dieses filmischen Brainstormings erforscht, was wahrscheinlich auch gar nicht möglich ist: zuviele Ambivalenzen, welche multiple Interpretations-Ansätze möglich machen. Eigentlich ein Gütekriterium. Ein Labyrinth von einem Film, eine überbordernde Nerd-Phantasie, zornige Abrechnung mit viralem TV-Marketing und Republikaner-Idealen, ein Zeitreise-Verschwörungs-Terror-Musical-Thriller.
Richard Kelly hat für sein bislang persönlichstes Werk einen hohen Preis bezahlt: wahrscheinlich wird er nie wieder ein Studio finden, welches die Zügel derart locker lässt und ihm ein ähnliches Budget zur Verfügung stellt. Aber, Fuck It, das war es wert. SOUTHLAND TALES ist eine Epiphanie!

© Alex

Saturday, July 14, 2012

MANIAC (USA, 1980)




William Lustig hat einen Slasher ohne Final Girl gedreht, mißachtet auch sonst fundamentale Regeln des Genres, lässt dabei jedoch einen erstklassigen Visionär, Handwerker und Provokateur durchblicken. MANIAC macht kein Geheimnis aus der Killer-Identität, erzählt seine Geschichte von vorne bis hinten aus Sicht des Psychopathen; zur Abwechslung mal kein ansehnlicher Teenager, sondern ein schmieriger, übergewichtiger, oller Kerl, der sich an den Brustwarzen rumspielt, stöhnt, permament vor sich hinmurmelt, während er junge Frauen belauert, sie tötet und anschließend skalpiert, um mit deren Haartrachten Mannequins zu schmücken. Für die entscheidenden Wegpunkte seines Traumas gibt's keine Flashback-Sequenz, die müssen wir uns aus Satzfetzen seiner schizophrenen Selbstgespräche selbst zusammenpuzzlen.
Gesondert vermerken möchte ich den hervorragend abgemischten, minimalistischen Soundtrack, der mit psychedelischen Synthesizer-Effekten und grummelnden Bass-Riffs die degenerierte Atmosphäre unterstreicht. Ganz ohne Comical Relief (das lustigste am Film ist tatsächlich der Nachname des Regisseurs) - selbst die von Tom Savini kreierten blutigen Momente driften nicht ins Groteske ab - ist MANIAC nach wie vor eine Herausforderung für emotional gefestigte Filmfreunde. Und die Geschichte wird nicht verdaulicher, wenn Lustig in einigen wenigen Momenten sozialer Interaktion seinen Hauptcharakter gar als erschreckend normalen Typen präsentiert, der sogar zu geistreicher Konversation fähig ist. Das antiklimaktische Finale zieht mit wahrhaft alptraumhaften Impressionen uns dann endgültig den Boden unter den Füßen weg.
Eine aufwühlende Charakterstudie durch die B-Movie-Linse; ein abscheulicher, faszinierender Film.

© Alex

Friday, July 13, 2012

OFFROAD (Deutschland, 2012)




[...]
Die Nora sehen wir gerne, solche Filme allerdings weniger. Dabei ist ja gegen TV-Dramen prinzipiell nichts einzuwenden, aber muß sowas unbedingt auf die Leinwand? Ist BANG BOOM BANG wirklich schon so lange her? Hier hat wohl jemand Ecgonylbenzoat mit THC verwechselt: statt aufputschender Wirkung gibt's an der Kinokasse bloß einen abgebrannten Joint-Stummel. Und davon wird man nicht high, nur müde. Ganz zu schweigen von dem klebrigen Belag auf der Zunge; und dem Hunger. Auf was Richtiges. [...]


© Alex

GHIDORAH, THE THREE-HEADED MONSTER (Japan, 1964)




[...]
Diverse kollidierende Interessengruppen mögen sich auf dem Papier spannend lesen, letztendlich sind Menschen aber wenig mehr als planlos umherstolpernde Bauern in einem weitaus größeren Monster-Schach ohne Rochade, welches alleine von der Frage beherrscht wird, wann die erste Kreatur auftaucht und im Namen welcher Partei seinem Gegner die Fresse poliert. Dies ist nämlich zugleich der erste Film, in dem Godzilla nicht länger als reiner Bösewicht austeilt und einsteckt. King Ghidorah ist der wahre Badass, spuckt verheerende Blitze aus seinen drei Mäulern, und überhaupt ist das goldgeschuppte Drachentier ein derart übermächtiger Gegner, daß Mothra, Godzilla und Rodan schon im Team antreten müssten, um ihn zu besiegen. Letztere beide sind allerdings mehr beschäftigt sich die Schuppen vom Kopf, bzw. das Gefieder zu rupfen, und müssen erstmal überredet werden ... Enttäuschend sind die Zerstörungs-Szenarien ausgefallen. Das Militär bleibt gänzlich zuhause (muß sich anscheinend von den Schlappe des letzten Films erholen), und abgesehen von einer beeindruckenden Sequenz, in der King Ghidorah wie ein Orkan über Tokyo fegt und keinen Stein auf dem anderen lässt, täuschen Rauch und Staub darüber hinweg, daß in Wirklichkeit gar nicht so viel kaputt geht. Weitere Szenen von einstürzenden Gebäuden (und sogar ein Waldbrand) sind kontextlose Momentaufnahmen, wohingegen GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN ein durchgängig chaotisches Konzept zu erarbeiten vermochte. [...]


© Alex

Tuesday, July 10, 2012

POISON IVY 2: LILY (USA, 1996)




Während der Vorgänger zumindest belanglos war, ist POISON IVY 2 regelrecht uninteressant. Fast möchte man hiernach das Drew Barrymore-Teil heilig sprechen, so tief ist das Gefälle. Im Grunde haben wir es nichtmal mit einem Erotik-Thriller zu tun, bestenfalls einem Coming of Age-Drama, welches mit den prätentiösesten aller dramaturgischen Stilmittel sich zu erderschütternder Relevanz aufplustert: eine brave, biedere junge Frau kommt in Kontakt mit ihrer Sexualität, lernt ihre Macht aufs andere Geschlecht kennen und experimentiert halt ein bißchen mit ihrem neu entdeckten Selbstbewußtsein. Und weil das für US-Bundesstaaten, in denen Männer- und Frauenunterwäsche per Gesetz nicht auf derselben Leine aufgehängt werden darf, nicht schockierend genug ist, kommen noch Bauchnabel-Piercings, schwarzes Make-up und Zigaretten hinzu. Klar, daß das arme Mädchen dann irgendwann vergewaltigt werden muß, und aufgrund ihres losen Lebenswandels ja irgendwie auch selbst ein bißchen schuld daran ist. Heilung erfolgt durch Beichte, und Absolution durch den einen richtigen Partner, dem wir für den Rest unseres Lebens unseren Körper zum Geschenk machen. Kaum zu glauben, daß hier eine Frau Regie geführt haben soll; Alyssa Milanos Brüste geben ihr Bestes - gegen soviel konservativ verbohrten Fanatismus vermögen jedoch auch sie nichts auszurichten (und bleiben das einzig Sehenswerte an dem Film).
Bis es zum Äußersten kommt, kann man schönen Menschen bei politisch korrektem (und so ästhetisch wie aseptischem) Sex-Posing zugucken, und wenn sie sich nicht betatschen, führen sie hochgestochene, humorlose Reden in denen Floskeln wie "Self-Expression" und "fighting inner demons" seelische Zerrissenheit implizieren sollen, prosten sich dabei so feingeistig und stilsicher mit trockenem Rotwein zu, wie es im Weinkenner-Knigge auf Seite 48 beschrieben wird, und wie man es von gebildeten Menschen ihres Standes erwartet. Zum Kotzen.

© Alex

MEN IN BLACK 3 (USA, 2012)



- "Is there anybody here who is NOT an alien?"


Das Franchise ruht sich mittlerweile ganz auf abgefahrenem Alien-Design aus und erinnert damit stark an jünger zurück liegenden Output eines gewissen Herrn Lucas. Ist damit auch der zweite Film dieser Woche, welcher diese Assoziation bei mir weckt, nur eben nicht sonderlich viel tut, um den Eindruck zu relativieren: sechs Arme sind besser als fünf; Riesenfische sind lustiger als Riesenraupen. Geschwätzigkeit ist das neue Synonym für Wortwitz, und der beste Charakter der Reihe, Frank The Pug, taucht nur noch als Poster auf. Warum's trotzdem kein kompletter Reinfall ist? Der Zeitreise-Plot lässt mit seinen (vorhersehbaren) Paradoxen etwas frischen Wind wehen (der Sprung als solcher zurück in das Jahr 1969 ist zudem DAS komödiantische und visuelle Highlight des Films) und die grantige Chemie zwischen Jones und Smith hat immer noch ihre charmanten Momente. Meinetwegen darf jetzt aber auch mal Schluß sein.

© Alex

MOTHRA VS. GODZILLA (Japan, 1964)




[...]
GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN ist phantasievolles Event-Kino aus dem obersten Regal, reich an menschlichen und monströsen Konfrontationen. Tricktechnisch schöpft der Film tief aus der Nostalgie-Kiste und zieht alle Register dessen, was man damals für perfektes Make Believe gehalten hat. Selbst auf Blue-Screen basierende visuelle Effekte können überzeugen, und fusionieren mit liebevoll designten Kostümen, detailreichen Miniaturen und animatronischen Konstrukten zu einem Fest an abenteuerlichen Impressionen. [...]


© Alex

Sunday, July 8, 2012

HELLBOY 2: THE GOLDEN ARMY (USA/Deutschland, 2008)



- "Eh, Mr. Kraut, sir?"
- "Krauss, agent. There's a double s."
- "SS. Right, right."



Wenn Guillermo del Toro einen neuen Eintopf im Ofen hat, muß man zuerst fragen: sind diesmal 11 Kreaturen am Start? Oder doch wieder nur 9? Im ersten Teil gab's Steampunk-Nazis, in THE GOLDEN ARMY erhöht del Toro auf Zahnfeen, Trolle, Goblins, sowie eine mächtig angepisste Bohnenranke aus dem gleichnamigen Märchen. Und 9 von 10 hat der Computer ausgespuckt. Aw, Crap ... hört sich ganz nach George Lucas an. Trotzdem ist der Output von Peter Jacksons Hobbit-Bruder im Geiste so unendlich viel cooler als der gesamte Post-Millennium-Bullshit vom bärtigen Bankster mit der Brille. Aber warum eigentlich? Weil sich del Toro eben nicht nur für komische Köpfe (in 3-D) interessiert, sondern auch, wie so ein komischer Kopf ticken könnte. Hellboy und seine kleine Freak-Armee sind uns näher als wir denken; manchmal lachen wir über ihre kleinen, drolligen Macken, aber meistens freuen wir uns mit ihnen (nämlich immer dann, wenn sie noch komischere Köpfe in den Arsch treten).
Soviel ungezähmte Phantasie in einem Film - fast gerät er darob aus den Fugen, was auch ein Zeichen dafür ist, daß man hier einfach mal jemanden hat machen lassen, anstatt jedes Fünkchen Persönlichkeit mittels Nachdrehs und endloser Re-Writes gleich wieder zu ersticken; HELLBOY 2 traut sich ein paar schräge Szenen, die man sonst höchstens als Outtakes zu Gesicht bekäme. Und missen wollte ich keine einzige davon. Höchste Zeit, daß del Toro eindlich die geforderten Kohlen für den ersten, großen Lovecraft-Film made in Hollywood in die Pranke bekommt. Der Mann hat Visionen.

© Alex

Tuesday, July 3, 2012

GUILTY OF ROMANCE (Japan, 2011)




[...]
In GUILTY OF ROMANCE flirtet der Messias des Perversen einmal mehr mit heißem Eisen: das Thema "weibliche Sexualität" ist insbesondere in der japanischen Gesellschaft ein blinder Fleck, respektive ein Tabu, über das man sich gerne und ausschweifend ausschweigt. Izumi, eine gehorsame und frigide Hausfrau, die jeden Morgen ihrem Gatten die Hausschuhe ans Bett stellt, so daß dieser noch mit verschlafenen Augen perfekt hineinzugleiten vermag, entdeckt bei einem Pornodreh eine verbotene Seite in sich; Mitsuko, eine Literaturdozentin, die sich nachts im verrufenen Maruyama-Bezirk für Dumpingbeträge prostituiert - nicht weil sie es nötig hätte, sondern weil sie es kann ... GUILTY OF ROMANCE gibt diesen Frauen eine Stimme, und wenn uns nicht gefällt, was wir da sehen, dann hat Sono sein Ziel erreicht. Zwielichtigen Sleaze bietet der Film zu keiner Sekunde. Sonos Frauen zeigen sich gerne entblößt, zelebrieren ihre Nacktheit, nicht den Männern zuliebe, sondern weil sie selbst sich gefallen. Und wer die richtigen Fragen stellt, kann sogar dem Prostitutionsgewerbe und der Pornographie einen Teil ihrer Respektabilität, und was wichtiger ist, den Frauen, die in diesen Bereichen arbeiten, ihre Würde zurückgeben. So gesehen ist Sonos hasserfülltester Film zugleich sein feministischster und liebevollster. Liebevoll, weil er uns in aller Schonungslosigkeit und ohne böses Augenzwinkern offenbart, was den Menschen, die dort im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben ficken, fehlt. Die einen ficken, um sich zu zerstören, jene um sich zu befreien. Und wer sind wir, in unserem selbstgefälligen, aufdiktiertem Moralkerker, daß wir diese Menschen gen Golgatha peitschen? [...]


© Alex