Wednesday, August 29, 2012

TOTAL RECALL (USA/Kanada, 2012)




Spätestens nach 10 Minuten setzt die totale Erinnerung ein: Alles schonmal gesehen - ich wollte es nicht wahr haben, aber TOTAL RECALL (2012) recycelt tatsächlich Szene für Szene, bis hin zu Dialog-Inhalten, die Eckdaten des Originals. Nur den Mars gibt es nicht mehr, stattdessen eine Kolonie auf der anderen Seite der Erdkugel, wo das Proletariat auf €400-Euro-Basis Polizei-Androiden zusammenlötet. Das reicht für ein Apartement, stylishe Boygroup-Frisur und jeden Abend einen Saufen gehen, aber eben nicht um glücklich zu werden. Ein Schacht führt durch den Erdkern hindurch und verbindet den Fabrikstaat mit der Metropole, wo die Kulissen nicht länger wackeln wie bei Roger Corman, sondern dank CGI im unvermeidlich blau-sterilen BLADE RUNNER-Look erstrahlen. Das sieht schön aus, ist aber auch ein bißchen langweilig - schöner (und nicht ganz so langweilig) sind die drei Brüste der Kaitlyn Leeb anzusehen. Und das doppelbödige Mindfuck-Potential von Philipp K. Dicks Vision rund um synthetische Erinnerungen nutzt der Film genausowenig wie einst Paul Verhoeven: der Rekall-Laden ist auch 2012 nur ein Gimmick in einem ansonsten ziemlich gewöhnlichen Revolutzer-Epos mit massig Action.
Hört sich Scheiße an, ändert aber nichts an der Tatsache, daß das Remake geradezu scheiße geil inszeniert ist. Für Kenner des Originals hat Wiseman ein paar augenzwinkernde Fallen aufgestellt, die Action baut auch ohne blutige Einschußwunden und abgerissene Arme Druck auf, der dritte Akt überrascht mit eigenständigem Setting. Ein paar Idiotien muß man schlucken: um innerhalb 15 Minuten den Durchmesser der Erde zu durchqueren, müßte der Fahrstuhl knapp 60000 km/h drauf haben - und bei dem Tempo steigen die dem Teil doch tatsächlich aufs Dach! Bzw. daß das Teil eben keine 60000 km/h drauf hat, sehe ich auch; aber dann ist man auch nicht inner Viertelstunde in Australien ...
Fuck the Physics, kommen wir zum Höhepunkt, und der heißt "Kate Beckinsale": Kates Rolle vereint Coolness und dramaturgische Funktionalität von Sharon Stone UND Michael Ironside in EINEM stahlharten Luxuskörper! Nach dreimal UNDERWORLD habe ich immer noch keine Ahnung, ob Beckinsale eine gute Schauspielerin ist, aber, verdammt nochmal, die Frau trägt Waffen wie andere Frauen Parfüm!
Und darum Sorry, liebe Nostalgiker (und andere alte Menschen): selbstverständlich ist das Remake unnötig. Aber leider auch geil.

© Alex

Saturday, August 25, 2012

ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE (Großbritannien, 1969)




Mit Sexismus, Charme und Martini: Diana Rigg als Bond-Girl und George Lazenby macht ihr den Steed (mit Anfassen). ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE ist der Versuch einer Dekonstruktion der festeingefahrenen 007-Formel. Das fängt schon mit der Titel-Sequenz an, wo James nur sekundär ein paar Häschern die Fresse poliert; zu allererst läuft er der Liebe seines Lebens über den Weg. Rigg ist kein typisches Betthäschen, sondern tatsächlich eine Frau, mit der man unter der Decke auch nur mal nebeneinander liegt und spinnerten Zukunfts-Träumereien nachläuft. Wie das endet, wisst ihr. Und ich jetzt auch: ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE war tatsächlich der letzte Film aus der Reihe, den ich noch nicht kannte.
Lazenby gefällt mir als Bond-Typ besser als Roger Moore; mit Betonung auf dem Wort "Typ". So lange er die Fäuste sprechen lässt, beim Black Jack abräumt und Ski-Assassinen in den Schnee-Häcksler schubst und dazu zynische Sprüche klopft, ist alles in bester Ordnung. Aber aus Bond machst du nicht mal eben einen Charakter, nur weil du ihn eine Träne verdrücken lässt. Das darf man mutig finden - mich, der die ganze Zeit vergeblich darauf wartete, die von Blofeld angeteaserten "Angels of Death" endlich außerhalb der Bettlaken in Aktion zu sehen, kriegt ihr damit nicht. War nicht mal gerührt; hab nur enttäuscht den Kopf geschüttelt.

© Alex

Thursday, August 23, 2012

A NIGHTMARE ON ELM STREET (USA, 2010)




Verblendeter Fanboy-Hass, oder warum die Neuauflage nicht nur ein guter Film, sondern gar ein sinnvolles Remake ist ...
Bevor jetzt die Molotov-Cocktails durch meine Scheibe fliegen: das Original von Wes Craven ist in seiner ikonographischen Relevanz natürlich unantastbar! Heather Langenkamp, Robert Englund - das sind Hausnummern, die kann man nicht so einfach ersetzen, auch nicht mit Jackie Earle Haley und Rooney Mara. Und doch leistet Samuel Bayer mit seinem Relaunch so viel Größeres: er boxt das Franchise aus der Sackgasse (nach FREDDY'S NEW NIGHTMARE hätte bestenfalls ein weiterer Meta-Mindfuck im Hollywood-Milieu folgen können, und diesbezüglich hat Craven in seiner doppelbödigen Abrechnung bereits alle Konstellationen durchgespielt), dreht die Uhr auf Null und setzt die Weichen für neue Filme, neue Träume, welche dann selbstverständlich nicht länger an Vorlagen und Déjà Vu-Momente gebunden sind. Auch seine angsteinflößende Fratze erhält der entstellte Teenieschreck zurück: spätestens mit DREAM WARRIORS (1987) war Krügers Transformation vom Schwarzen Mann zum "coolsten Kinderschänder der Welt", der seine Kills mit lockeren Sprüchen konnotierte, vollzogen. Damit ist jetzt Schluß. Endlich sorgt der Klauenkasper wieder für Gänsehaut, anstatt Lachfältchen! Den Appeal der alten Filme macht uns die Neuauflage nicht kaputt: wir haben sie damals geschaut und geliebt, wir werden sie immer lieben; nicht der ausgefeilten Geschichten oder Charaktere wegen, sondern einzig und allein um uns in verschwenderisch designten Traumwelten zu verlieren. Und nie ging es auf der Elm Street derart wild zu, wie im 1988er DREAM MASTER, einer visuell entgleisten Achterbahn mit hervorragend getricksten Ekel-Plateaus, welche uns heute noch die Socken ausziehen.
Szenen wie Brooke Theiss' Verwandlung in einen Käfer suchen wir in der 2010er-Version vergebens: Das Remake gibt sich verhalten, fast schon konventionell. Statt ausufernder Alptraum-Universen thematisiert Bayer mit (immerhin wirksamen Jump-Scares) den tödlichen Sekundenschlaf. Das ist okay, Platz für schöne Bilder bleibt trotzdem. Der Film zitiert fleißig Schlüsselszenen aus Cravens Original, ist dabei allerdings so klug, diese nicht 1:1 nachzuspielen, sondern schlägt stets, sobald man als Kenner der Materie ein Payoff nahen sieht, in augenzwinkernder Manier eine andere Richtung ein. Auch der Mystery-Aspekt rund um Freddys Existenz wurde ausgebaut; die aufgrund Schlafmangels angenehm verpeilten Protagonisten hetzen wesentlich aktiver der Lösung des Rätsels hinterher. Im Finale löst der Film sich dann endlich von seinem Vorbild, und schafft es, den Showdown zwischen Langenkamp und Englund mit neuen Imaginationen und eigenen atmosphärischen Akzenten an Dramatik sogar zu übertreffen.
Die Straße ist geräumt, der Schutthaufen beseitigt, die Schranken geöffnet. Das (hoffentlich zeitnahe) Sequel darf dann gerne wieder das Gaspedal zum Bodenblech durchdrücken. Bis dahin gucken wir nochmal den vierten Teil der Reihe; jener Film, in dem Renny Harlin die Absperrungen von der Elm Street entfernte und mit 180 durch die Vorgärten heizte. Never sleep again ...

© Alex

Saturday, August 18, 2012

TRÄNEN TROCKNET DER WIND (Deutschland, 1967)




DIE VERLORENE EHRE DER MARGARETHE VON TROTTA, oder SIE WAR JUNG UND BRAUCHTE DAS GELD: Kiez-Stripperin (von Trotta) wird von ihrem Auftragsgeber vor die Tür gesetzt und soll an einen Zuhälter verschachert werden. Ein Seemann auf Landurlaub funkt dazwischen, der verliebt sich nämlich in die aparte Lady. Bevor sie ihre Flucht in ein normales Leben antreten können, stellt eine noch dampfende Leiche das junge Glück auf eine harte Probe.
TRÄNEN TROCKNET DER WIND zelebriert Freddy Quinn-Romantik (der Matrose als unwiderstehlicher Abenteurer und Mann von Welt, in jedem Hafen ein neues Mädchen im Arm) und peppt die krude Story mit Elementen aus dem Film Noir-Genre auf. Das gelingt mehr schlecht als recht: etwas mehr Professionalität a.k.a Edgar Wallace war durchaus im Rahmen meiner Erwartungen, stattdessen wird arg chargiert, und die Frequenz, mit der Charaktere vermeintlich konstante Lebensphilosophien über den Haufen werfen und mit 180°-Entscheidungen überraschen, zieht einem zuweil die Klamotten aus. Auch der erhoffte Reeperbahn-Lokalkolorit lässt zu wünschen übrig: nach dem atmosphärischen Opening verlagert sich die Handlung in anonyme Bars und Hinterzimmer. Ist aber nicht so schlimm, bzw. richtig schlimm wird es erst: spätestens, als eine Vergewaltigungs-Szene in heiter kichernder Wald/Wiesen-Idylle mündete, war mein Unterkiefer dauerhaft am Brustkorb festgenagelt; wer jetzt noch über formale Schwächen und Plot-Ungereimtheiten bramabasiert, hat diese herrlich unbekümmerte Bahnhofs-Liaison schlichtweg nicht verdient! Zugpferd der charmanten Trash-Romanze sind zahlreiche Striptease-Performances, von ansprechenden Damen zumeist ansprechend vorgetragen, einmal nur mit Fremdschäm-Bonus. Und wie so oft bei solchen Filmen ist einmal mehr der Soundtrack der windige Strohhalm, an den man sich klammert und der einen sicher ans andere Ufer schwemmt: entspannter Blues, schmissige Beat-Melodien, dazu Frau von Trottas kreisende Hüften retten den Abend.
Zu sehen war der Streifen als 16mm-Kopie in der "Something Weird"-Reihe im Filmhaus Köln an der Maybachstrasse, wahrscheinlich zum letzten Mal: im Fernsehen ist er nie gelaufen, geschweige denn, daß er für den Heimkinomarkt abgetastet wurde. Und es wird eine Zeit kommen, da auch der letzte Zelluloid-Projektor sein sinnliches Rattern eingestellt haben wird, und die Tränen, die dann fließen, mein Freund, die trocknet kein Wind der Welt ...

© Alex

Monday, August 13, 2012

BUNRAKU (USA, 2010)




[...]
Wie also vermarktet man einen Film wie BUNRAKU? Am besten gar nicht. Da stolpert man zufällig drüber und freut sich, daß Seijun Suzuki wieder einen Film gedreht hat. Hätte. Haben könnte. Wenn er wollte. Who the Fuck is Guy Moshe? Ob sich Suzuki mit solch einer simplen Gut/Böse-Story, die eigentlich nur lose aus Western-Klischees zusammengedübelt wurde, zufrieden gegeben hätte, steht auf einem anderen Blatt; wenn er aber jemals einen Einstand in Hollywood gegeben hätte, dann sähe das vielleicht ein bißchen aus wie wie hier: in der Welt von BUNRAKU existieren Western-Spelunken neben rosigen Sushi-Salons und rauchigen Kosakenbars, in der Luft liegt eine Atmosphäre von Prohibition, grell angezogene Fred Astaire-Killer säubern die Straße von aufmüpfigen Elementen, der Samurai auf einer Rache-Mission (Gackt) und der Cowboy ohne Colt (Josh Hartnett) legen sich mit Ron Perlman an, der als diktatorischer Gandalf mit weißen Rasta-Locken hoch oben über der Stadt thront und seinen Bonsai-Garten in Schuß hält. Zusammengehalten wird der bunte Eintopf von Woody Harrelson als philosophierendem Barkeeper und einem lakonischen Voice Over, der direkt aus SIN CITY herüberzutönen scheint. [...]


© Alex

BLUTIGER FREITAG (Deutschland/Italien, 1972)




Ein abgebrannter Deserteur, seine Schwester, ihr Spaghetti-Stecher und Raimund Harmstorf (in asozialster Tomas Milian-Manier) überfallen die Zentralbank und nehmen Kunden als Geiseln, unter ihnen die Tochter eines Milliardärs und Inhaber einer Supermarkt-Kette. Beim zermürbenden Warten auf das Lösegeld liegen bald auch die Nerven der Gangster blank.
Wüste Exploitation-Granate aus hiesigen Landen, die sich vor thematisch verwandtem Italo-Output nicht verstecken muß. Mit reichlich Lokalkolorit und spürbarer Baader/Meinhof-Paranoia, dabei weit weniger zynisch als erwartet: wenn hier einer ins Gras beißt, schockt das und weckt Empathien; zimperlich und moralinsauer geht trotzdem anders: blutige Einschüsse, politisch unkorrekte Sprüche zum Ohrenschlackern, eine psychedelisch gefilmte Vergewaltigung, und obendrein die volle Dröhnung frotzelnde System-Kritik und Kapitalismus-Schelte. Wirksame Schocktherapie für all jene, die glauben, daß in den 70ern aus Deutschland nur SCHULMÄDCHEN-REPORT und Heintje kam. Großartig. Und, sofern man's zulässt, auch verdammt unterhaltsam. Ein prominentes "Verbrechen lohnt sich nicht"-Zitat im Abspann reizt in seiner Plakativität allerdings fast schon zum Lachen.

© Alex

ALYCE (USA, 2011)



- "The whole thing is like some Pre-War-German-Expressionist kind of setpiece with a little bit of Hellraiser mixed in. I mean, actually it was kinda fucking cool."


Im Drogenrausch schubst Alyce (Jane Dornfeld) versehentlich ihre beste (und einzige) Freundin vom Hausdach; sie selbst stürzt hinterher: durch das allegorische Kaninchenloch in ein paranoides Wunderland voller gewalttätiger Visionen, in der geisterhafte Erscheinungen der verstorbenen Carroll (Tamara Feldman) ihr Gewissen martern. Alyce wagt sich in die Unterwelt; sie braucht mehr und stärkere Drogen um den Alltag erträglich zu machen. Eddie Rouse als asozialer Mini-Ganglord ist ihr behilflich - und will für seine Dienste anständig bezahlt werden. Guess what: Geld hat er genug. Mit Ruhm bekleckert sich Rouse zwar nicht, darf in ein paar guten Monologen aber über die Abgefucktheit unserer Generation schwadronieren. Und das wars dann schon mit Tiefe; ALYCE ist ein kleiner, fieser Trip ohne Anspruch auf Lynch-Assoziationen, selbst die wenigen Parallelen zum Buchklassiker von Lewis Carroll beschränken sich aufs oberflächliche Zitieren: eine Keramik-Spardose in Kaninchenform auf Alyce' Schreibtisch, ein geflüstertes "Off with her head!" Großes Budget brauchen solche Filme nicht, Sound-Design und Schnitt sind das Mittel der Wahl (und werden auch in in ALYCE kompetent eingesetzt). Das billige deutsche Covermotiv verkauft diese eingleisige, aber intensive Underground-Perle sträflich unter Wert.
Naja, und irgendwann kommt es halt wie es kommen muß: Alyce greift zum Hackebeilchen um sich einen Weg aus ihrer zwanghaften Existenz zu bahnen. David Lynch verschwindet von der Party, Hallo Tom Savini. Während der letzten 20 Minuten reichen sich überzogenes B-Movie-Acting, What-the-Fuck-Sex, und verstörende Splatter-Effekte die Hände; im Abgang sogar mit einer Prise morbidem Humor. Und ein Platz auf dem Treppchen für die Psycho-Bitch des Jahres ist Frau Dornfeld gewiß.

© Alex

Thursday, August 9, 2012

PERVERSION STORY (Italien/Frankreich/Spanien, 1969)




Süßes Laster, bittere Intrigen, fiebrige Spannung: PERVERSION STORY ist die rare Gelegenheit, Lucio Fulci als rationalen Geschichtenerzähler zu erleben; und zwar nicht mit irgendeiner Geschichte, sondern ganz weit oben, zweiter von links neben Hitchcock und all seinen haarscharf gescheiterten Epigonen. Ein echter Film Noir, der sich stilisierter Bildästhetik des Giallos bedient, reich an durchkomponierten Close-Ups, kontrastreichem Schattenspiel, atemberaubenden Perspektiven aufs sonnendurchflutete San Francisco und einer zunehmend degenerierenden, sexuell aufgeladenen Atmosphäre, die einem Minute für Minute die Luft abschnürt. Zum Sterben schön.
Der gar nicht so perverse, als vielmehr perfide Krimi erzählt von der Dreiecksbeziehung zwischen einem insolventen Arzt, seiner Liebhaberin und einer undurchsichtigen Stripperin (Marisa Mell), die seiner ermordeten Frau zum Verwechseln ähnlich sieht. Und darüber die schwelende Frage: gab es überhaupt einen Mord? Noch mehr Hitchcock und kultivierte Sauereien, und wir wären bei Brian De Palma, dafür jedoch ist der letzte Twist nicht halb so raffiniert gestrickt wie er vorgibt, und mancher Szenenübergang arg abrupt; der jazzige Score von Italo-Veteran Riz Ortolani, sowie zwei sexy Split-Screen-Collagen, wie ich sie höchstens in der 68er THOMAS CROWN AFFÄRE erwartet hätte, haben mich wieder versöhnt. Dabei mit überraschend feministischer Note abgeschmeckt: Fulcis Ladies sind ausnahmslos starke Persönlichkeiten, die beim Sex oben bleiben und, wenn's läutet, die Männer zur Tür schicken.

© Alex

Wednesday, August 8, 2012

JOHN CARTER (USA, 2012)




Wem AVATAR zu blau war, bekommt hier die Disney-Version in grün; und mit vier Armen. Ansehnlich getrickste Groschenroman-Fantasy, die hoch hinaus will, sich mit einer unnötig komplexen Mythologie allerdings mehr als einmal ein Beinchen stellt: wenn ein gefühltes halbes Dutzend verschiedenfarbiger Fraktionen eifrig bestrebt ist, ihre persönliche Duftmarke auf dem roten Planeten zu hinterlassen, ist wenig verwunderlich, wenn's da irgendwann an allen Ecken und Enden zu stinken beginnt. Als kritischer Zuschauer bleibt man im buchstäblichen Sinne des deutschen Untertitels ZWISCHEN DEN WELTEN. Mehr Science, weniger Sorcery wäre der Schlüssel zum Erfolg gewesen, der ganze Magie-Quatsch kommt nämlich mal wieder reichlich willkürlich und ist nicht gerade hilfreich dabei, eine nachhaltige Bindung zum Geschehen aufzubauen.
Die geradezu entwaffnend naive, unironische Machart entwickelt bei ausreichend Durchhaltekraft jedoch einen kruden Charme, und so bleibt JOHN CARTER, dank großer Schauwerte und rasant choreographierter Action-Szenarien, doch noch als kurzweiliges Erlebnis in Erinnerung. Wenn ich's mir recht überlege, sogar ein überraschend sympathisches, und für Disney-Maßstäbe auch ausgesprochen rabiates Abenteuer: splattern tut's zwar nur in schlumpfblau, aber abgetrennte Köpfe und Gliedmaßen fliegen sichtbar durchs Bild.
So bunt und nahrhaft wie eine Tüte Haribo-Goldbären.

© Alex

Tuesday, August 7, 2012

KEINOHRHASEN (Deutschland, 2007)




Sechs Millionen Zuschauer in Deutschland, und ich war tatsächlich so naiv, hier was geringfügig Größeres zu erwarten als BULLYPARADE: RELOADED mit ein bißchen Öffentlich Rechtlichem Herz/Schmerz: häßliches, ungeschicktes Entlein (wegen der Brille, weißte?) trifft auf ehemaligen Schulkameraden, der sie in Kindertagen gemobt und gefoppt hat, und muß jetzt dieselben Demütigungen weiter über sich ergehen lassen, und zwar solange, bis sich sich - Tadaaa - in ihn verliebt. Liebe Frauen, ist das wirklich so? Daß ihr auf Bad Boys steht, wissen wir. Aber hat der Bad Boy in KEINOHRHASEN überhaupt Charisma? Ist der nicht einfach nur 'nen Arschloch (das am Ende ziemlich plötzlich einknickt)? Oder gehört ihr gar zu den sechs Millionen Mädchen, die nie eine Zahnspange tragen mußten, und der Humor deshalb genau euren Nerv trifft? Bin ich spießig, wenn ich die Prämisse für reichlich mean-spirited halte?
Einige gelungene Szenen (Armin Rohde als koksender "Bello der Zauberbär", Jürgen Vogels Selbst-Vertrashung, sowie der titelgebende Keinohrhase) machen leider keinen guten Film; dafür braucht man eine durchgehende Handlung, und nicht einfach eine Sketchparade der Marke: "Hey, ich hab' da gerade so voll den lustigen Witz gehört; überleg mal, wie wir den noch irgendwie ins Skript gebastelt bekommen." Richtig nervig (und peinlich) wird's, wenn KEINOHRHASEN dick auf Authentizität macht und die Schöneberger unter ihrem richtigen Namen über den roten Teppich spazieren lässt. Der Rest der Riege hat genau zwei Funktionen zu erfüllen: sich entweder lächerlich zu machen, oder Til Schweiger die Gags zuzuspielen.
Puh, ziemlich starker Tobak für einen frischgebackenen Nora Tschirner-Fan ... aber mir bleibt ja noch IJON TICHY ...

© Alex

Wednesday, August 1, 2012

BODY DOUBLE (USA, 1984)



- "What can I get you? Jack Daniel's?"
- "How about ... Jake Scully straight up?"



Daß Brian De Palma gern Hitchcock-Motive recycelt ist ein offenes Geheimnis; in BODY DOUBLE guckt ein gescheiterter B-Movie-Akteur durch DAS FENSTER ZUM HOF ins Nachbarhaus, wo die Femme Fatale sich lasziv auf dem Bett räkelt, initiiert so die Metamorphose vom Voyeur, über den ordinären Höschenschnüffler, zum Zeugen eines (überraschend exploitativ inszenierten) Mordes. Und statt der Höhenangst aus VERTIGO thematisiert De Palma Klaustrophobie, mit ähnlich schwindligen Perspektiven. Also nur ein phantasieloses Rip-Off?
Mitnichten! Sexy, smart und verspielt: BODY DOUBLE ist Hitchcock auf Bubble-Tea, Camp auf allerhöchstem Niveau, ein augenzwinkerndes, sowohl formal als auch inhaltlich doppelbödiges Spiel mit Obsessionen und fetischisierten Genre-Versatzstücken, das sich in einer Musical-Nummer mit dem Frankie goes to Hollywood-Hit "Relax" zum aberwitzigen Delirium hochschaukelt - dabei trotz hinreißend bekifft agierender Melanie Griffith, die als Porno-Göre unserem Anti-Helden frivole Banalitäten ins Ohr säuselt, stetig an der Spannungsschraube dreht. Hollywood ohne Zaun und Zügel; eine berauschende Erfahrung.
Ein bißchen würde ich mir das von unserem handwerklich versierten, arg verbissenem Perfektionisten Christopher Nolan wünschen: mehr Mut zum Exzess, ein "Ja" zum schlechten Geschmack, einfach mal die Sau rauslassen (buchstäblich) und gucken, wo sie hinläuft ...

© Alex