Sunday, December 30, 2012

THE BRIDES OF FU MANCHU (Großbritannien/Deutschland, 1966)




Ist ja nicht so, als würde ich aus schlechten Erfahrungen lernen und deshalb nicht wieder und wieder auf solche Filme reinfallen (hätte ich mal auf meinen Papa gehört, der hat seinerzeit dafür ein Kinoticket gelöst) ... statt unsere Augen an hübschen Sklavenmädchen aus aller Herren Länder zu laben, ergötzen wir uns an steifärschigen Scotland Yard-Beamten, die an Schreibtischen sitzen, Tee trinken und Telefonate führen. Und werden Zeuge, wie grauhaarige Science-Nerds mittels dilettantischer Karatehiebe die schlechtesten Ninjas der Filmgeschichte auf die Matte schicken; sowieso niedlich, wie uns hier Pausenhof-Rangeleien als ultimative Kampfkunst verkauft werden.
Zuwenig Harems-Action, zuviel redundantes Recherche-Bla-Bla. Dabei macht der Film mitunter Spaß, nämlich immer dann, wenn Christopher Lee in albernen Outfits in seiner Superhöhle aus Pappe voller Supercomputer aus Pappe chargiert was der magere Gehaltsscheck hergibt, und Marie Versini mit süßem französischen Akzent von der tristen Haupthandlung ablenkt. Es fehlt an Identifikationsfiguren; charismatischen Typen mit Dreitagebart, die sich die Hemdsärmel hochkrempeln und selber Ärsche treten, anstatt lediglich eine Kontaktperson in der entsprechenden Behörde zu informieren, die daraufhin alles in die Wege leitet.
Feiner Zug von Kinowelt: auf dem hiesigen DVD-Release findet sich wahlweise die (zerschnittene und zensierte) deutsche Kinofassung, sowie die Originalversion.

© Alex

Saturday, December 29, 2012

HEUTE ICH ... MORGEN DU! (Italien, 1968)




Mit grober Nadel gestrickter Rachewestern der härteren Gangart, nach einem Drehbuch vom Erfinder des 400-Meter-Telefonkabels; Charakteren nachvollziehbares Verhalten auf den Leib zu schreiben war nie Argentos Stärke, so wundert man sich auch hier nicht über Szenen, in denen der behutsame Griff zur Halsschlagader eines Toten Auskunft gibt, daß dieser seit höchstens drei Stunden kalt sei, oder Dialoge der Marke: "Sie müssen nach Norden oder Süden geflohen sein. Nach Westen können sie sich nicht abgesetzt haben, das ist ohne Zweifel."
Besser nicht nach dem Warum fragen, macht nur Kopfweh, lieber die unterhaltsamen Duelle und atmosphärischen Landschaftsbilder genießen. Davon gibt es einige, und in den letzten 20 Minuten gehts den Bösen in Guerilla-Manier non stop an den Kragen. Erst der Showdown fällt mit seiner 08/15-Inszenierung wieder ab. In einer Nebenrolle schießt und reitet ein blutjunger Bud Spencer, dem zwar das Charisma seiner späteren Auftritte abgeht, aber wo er zuhaut, wuchs auch damals kein Gras mehr. Und das ist hier weniger lustig, gar schmerzhaft anzusehen.
Hardcore-Fans des Genres kriegen einen mäßig schmackhaften Eintopf mit den Standard-Zutaten vorgesetzt; der Pöbel ist mit Leone und Corbucci erstmal besser beraten.

© Alex

Sunday, December 23, 2012

FORBIDDEN WORLD (USA, 1982)




Quizfrage: ihr steckt fest auf einer interstellaren Forschungsstation, wo ein Experiment mit genetischem Material aus dem Ruder gelaufen ist; soeben ist die Kreatur aus dem Brutkasten gejettet und hat den Hiwi in Haferbrei verwandelt. Was tut ihr?
a) Erstmal schön frühstücken
b) In die Sauna gehen
c) Mit der Frau Doktor in die Kiste steigen
d) Schreien und Sterben

Keinen der Punkte a-c angekreuzt? Dann guckt ihr wahrscheinlich ALIEN, einen Film, den Jim Wynorski hier (im Auftrag des Großen Corman) eifrig zitiert; im Intro versucht man sich gar an der audiovisuellen Ästhetik von 2001, und wenn man damit den geneigten Zuschauer nicht kriegt, müssen die Damen halt blank ziehen (schöne SFX: Dawn Dunlap und June Chadwick) - so kurzatmig ist Wynorskis Regie, daß er gar Spannungssequenzen mit subliminalen Frames stattgehabter Kopulationen streckt.
FORBIDDEN WORLD ist ein kleiner Klassiker des anspruchslosen Schmodderkinos, immerhin schön bunt geraten und fährt ein paar nette prosthetische Kreationen auf (wenn auch meistens statischer Natur). Glibber und Gedärm verteilen sich gleichmäßig auf 73 Minuten Kurzweil, in denen eine panisch bis hilflos agierende Crew mittels Taktiken aus dem Lemming-Handbuch der Bedrohung Herr zu werden versucht. Und wie so oft bei Roger Corman ist das alles leider selten gut. Aber unwiderstehlich.

© Alex

Friday, December 21, 2012

THE MOVING FINGER (USA, 1963)



- "The bus tourists are in! Start looking decadent!"


Ziellos dahinplätschernder, teils improvisiert anmutender Exploiter über die Beatnik-Generation; eine Zeit, in der "arbeitslos" noch als cool galt, und Gammler in Rollkragen-Pullovern die heißesten Bräute abschleppten. In solch eine Kommune stolpert ein angeschossener Bankräuber mit 90000 Dollar im Geigenkasten, und vertreibt sich fortan die Zeit mit Konsumieren von bewußtseinserweiternden Substanzen, Kakerlaken-Rennen und Bullshit Labern. Eine Handvoll Anarcho-Stimmung gegen das System ist im Paket inbegriffen, insgesamt bleibt das Skript aber züchtig, fast belanglos: hier ein bißchen Popo-Wackeln zum Rock'n Roll, da ein Bauchtanz, uuuuuuund Abspann - Handlung und Spannungsbogen sind was für Spießer. Richtig cool ist nur der Soundtrack, wie ihn auch Gert Wilden schmissiger und schwüler nicht hätte ausschwitzen können.

© Alex

Wednesday, December 19, 2012

JFFH 2012: JAPANISCHES FILMFEST HAMBURG


Fukushima ist überall. Ob nun aus politischer, wirtschaftlicher oder ökologischer Warte betrachtet, die Dreifach-Katastrophe vom 11. März hat einen globalen Fußabdruck hinterlassen. Aber das Leben geht weiter. Auch auf der Leinwand; das cholerische Wunderkind Shion Sono beispielsweise hat sein letztes Werk HIMIZU spontan um ein paar biographisch angehauchte Wahrnehmungen vom atomaren Trauma bereichert. Auch Hamburg macht dieses Jahr Fukushima zum Thema: gleich dreimal haben die fleißigen Jungs und Mädels vom Nihon Media Team sich in die evakuierte Zone vorgewagt und Erinnerungen geborgen, um jetzt, beim 13. Japan Filmfest Hamburg, uns daran teilhaben zu lassen. Sei es nun als Terror-Thriller im Blockbuster-Gewand (BLACK DAWN), als spirituell angehauchtes Drama über einen gescheiterten Geschäftsmann, der mit reinkarnierten Mitgliedern seiner verstorbenen Familie einen Neuanfang wagt (A GENTLE RAIN FALLS FOR FUKUSHIMA), oder dokumentarischer Blick (RADIOACTIVISTS) auf eine neu aufkeimende Kultur des Ungehorsams; höchste Zeit: das letzte Mal, als Japan geschlossen auf die Straße marschierte, war Anfang der 60er, als die Regierung den Vertrag zur gegenseitigen Sicherheit und Kooperation mit den Vereinigten Staaten unterschrieb.

Das JFFH muß sich nicht hinter dem rosarotem Rücken der größeren Nippon Connection verstecken, hat sich längst als Event mit individuellem Appeal emanzipiert. Als größte Herausforderung entpuppt sich übrigens weniger die Suche nach einer möglichst zentral gelegenen (und bezahlbaren) Unterkunft, als der Versuch, das reichhaltige Programm mit persönlichen Vorlieben und Prioritäten abzugleichen. Festival-Junkies wissen jedoch längst, daß diese Vorbereitungsphase im Grunde die schönste ist: ohne schwere Entscheidungen wäre der Triumph, eine wahre Perle entdeckt zu haben, nur halb so groß.

Zwei der herausragendsten GODZILLA-Filme der Heisei-Ära in glorreichem 35 mm auf der großen Leinwand zu sehen, ist natürlich ein Erlebnis für sich. Als besonderer Geheimtip für exzentrische (und vor allem einmalige) Funde dürfte sich einmal mehr der "Osaka"-Fokus erweisen, welcher frisch von der Osaka University of Arts gefallenen Filmstudenten eine Plattform bietet, ihr Können erstmals einem größeren Publikum zu präsentieren. Hier darf auch Takashi Miike nicht fehlen, der natürlich niemandem mehr was beweisen muß, aber in Osaka aufgewachsen ist und in seinen Filmen wieder und wieder an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Sein Cannes-Beitrag HARA-KIRI: DEATH OF A SAMURAI, ein Remake des 62er Klassikers von Masaki Kobayashi, hat es bis nach Hamburg geschafft. Und wenn Shion Sono mit seiner jüngsten Epiphanie GUILTY OF ROMANCE einmal mehr unsere Moralvorstellungen von Grund auf umpflügt, dürfen wir sicher sein, den Kinosaal als andere Menschen zu verlassen; geläutert oder gebrochen - das ist die Frage.

Was? Keinen Bock auf alte Schinken und prätentiösen Arthouse-Schnickschnack, und Miike ist sowieso überbewertet? Kein Problem; spätestens wenn furzende Schulmädchen sich der Toilette entsprungenen Zombie-Horden erwehren, dürftet auch ihr auf eure Kosten kommen. Ja, MACHINE GIRL-Schöpfer Noboru Iguchi ist mit am Start und liefert einmal mehr den Beweis, daß er keinen Deut erwachsen geworden ist. Wäre ja auch zu schade. Oder ihr gönnt euch eine kleine Auszeit vom Filme-gucken und faltet 1000 Kraniche im Origami-Workshop, auf das euch die Götter einen Wunsch erfüllen.

So oder so: es gibt viel zu entdecken. Mein Kranich und ich wünschen sich viele spannende, aufregende, und bewegende Erfahrungen.




HANA NO FUKURO: BLUMENSCHACHTEL (Japan 2008)


PIRANHA (Japan 2011)


CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES FROM DEEP BELOW (Japan 2011)


HARA-KIRI: DEATH OF A SAMURAI (Japan/Großbritannien 2011)


GETAWAY (Japan 2010)


MINOMAN (Japan 2007)


ABOUT THE PINK SKY (Japan 2011)


SCHOOLGIRL APOCALYPSE (Japan 2011)


RED TEARS (Japan 2011)


THE PLACE YOU'LL FIND ANYWHERE IN THE WORLD (Japan 2011)


MORE (Japan 2011)


BLACK DAWN (Japan 2012)

© Alex

Monday, December 17, 2012

MURDER A LA MOD (USA, 1968)




Brian De Palmas erstes abendfüllendes Feature ist vor allem eines: sehr, sehr merkwürdig. Und einer der ersten Filme über das Snuff-Phänomen. Die Art und Weise, wie er voyeuristische Schlüsselloch-Perspektiven wählt und seine weiblichen Charaktere mehr zu beobachten als abzubilden scheint, erinnert zuweilen an Jess Franco, allerdings von De Palma ungleich pedantischer arrangiert; das Jump-Cut-Editing erfüllt zugleich eine rhythmische Funktion, legt einem Metronom gleich einen tickenden Beat unter Plot und Bilder. Allerdings schafft es der Sleaze-Auteur selten, ernst zu bleiben und verfällt immer wieder in progressive Faxen mit der Kamera oder stummfilmartige Slapstick-Einlagen - das macht das kleine Krimi-Drama unvorhersehbar und aufregend, und das doppelbödige Film-im-Film-Konzept hat er später in BODY DOUBLE auf die Spitze getrieben. Seiner Liebe zu Hitchcock, die später immer wieder aufflammen wird, setzt De Palma hier ein erstes Denkmal, indem er sich formaler Aspekte von PSYCHO bedient und diese in augenzwinkernder Manier exploitativ umformuliert.

© Alex

Wednesday, December 12, 2012

COSMOPOLIS (Kanada/Frankreich/Italien/Portugal, 2012)




Achtung, wichtige Durchsage: dies ist eine Rezension, in der Robert Pattinsons rektale Untersuchung auf dem Rücksitz seiner Luxus-Karre nicht thematisiert wird!
In David Cronenbergs grantiger Meditation über die Wirtschaftskrise kurvt der schnöselige Multi-Milliardär Eric Packer in hermetisch versiegelter Limousine durch anonyme Straßen einer repräsentativen Metropole, während draußen der Mob gegen das unheilige Konglomerat aus Finanzhaien und Aktien-Spekulanten Sturm läuft. Es sind Bilder wie aus einem Endzeit-Szenario. Eigentlich will Packer zu seinem Friseur, fraglich bleibt, ob er jemals dort eintreffen wird: die Realität in COSMOPOLIS gehorcht primär Gesetzen eines Fiebertraumes, und wer schonmal träumend ein Ziel ins Auge gefaßt hat, weiß, daß er selten dort ankommt. Zumindest nicht, ohne direkt danach zu erwachen.
Auf seiner Fahrt sinniert Packer in wortreichen Zwiegesprächen mit Vertrauten über das kannibalische Wesen des kapitalistischen Regimes, fickt mit ihnen, während sein überragender Verstand unbeirrt Fluktuationen mannigfaltiger Währungskurse kalkuliert und danach fragt, wie die Suche nach immer mehr Geld und Macht unser tägliches Leben bestimmt, was jeden von uns antreibt zu leben, oder wir am Ende gar Ratten sind, die sich untereinander zerfleischen ... manche Metaphern sind derart stark, daß sie sich unmitelbar darauf in der Umgebung als reale Begegnungen manifestieren. Weitaus spannender als der Inhalt der Gespräche ist nur die Tatsache, daß Personen in ihren Unterhaltungen weniger aufeinander eingehen, als sich gegenseitig zu analysieren, und wer da gerade in wessen Praxis auf der Couch die Hosen runter läßt, bleibt beständig im Fluß.
Selbst wenn Packer letztendlich die protektive Hülle der Limousine verläßt, ist an Erwachen nicht zu denken: die verdreckten, degenerierten Schauplätze vor abbruchreifen Fassaden beschwören ansatzweise den Cronenberg hervor, den wir solange vermisst haben. COSMOPOLIS ist ein inverser VIDEODROME - ein Film, der sich nicht mit brachialer Gewalt aus der Leinwand zu befreien sucht, sondern konträr im Schneckentempo implodiert, uns dabei unaufhaltsam in das Zentrum seines asymmetrischen Strudels reißt - und zugleich Robert Pattinson ausreichend Gelegenheit bietet, seine vampirische Natur offenzulegen: in COSMOPOLIS braucht er kein Körper-Make Up um zu glänzen, nährt sich buchstäblich am Blut seiner Schauspielkollegen, bis diese anämisch in sich zusammensinken und jede Szene Pattinson überlassen. Erst in Paul Giamatti findet er seinen Meister, dann sind wir aber bereits am Ziel jener hypnotischen Meta-Odyssee angekommen, und wer dann am Ende die Augen aufschlägt, und wer zu Staub zerfällt, muß noch geklärt werden.
Es gibt Filme, die schaut man mit dem Herzen, andere mit dem Verstand; COSMOPOLIS guckt man mit der Prostata.

© Alex